GuSp-Sicht:Weisen!?

Anmerkung:

Dieser Artikel erschien auch im "PPÖ-Brief", Ausgabe 1/2003. Zahlreiche Quellenangaben, Anmerkungen und Fussnoten sind dort, sofern es sich um Internet-Links handelte, mit dem Verweis auf diese Seite zusammengefasst worden: Die tatsächlichen Quellen sind an den Enden der jeweiligen Textstellen über die dort vorhandenen [Lit.]-Links zu erreichen. Einige Links sind allerdings nicht mehr zu erreichen. Bitte um Verständnis! Bei Zeiten werden wir die Quellen neu zusammensuchen.

"Gender Mainstreaming"

von Bernadette Fischler und Gregor Herrmann
Ein neuer Begriff macht die Runde "Gender Mainstreaming" - Was ist das jetzt wieder? Warum soll das mich betreffen? Was hat das mit den Pfadis zu tun? Dieser Beitrag aus der Reihe GuSp-Sichtweisen bietet einerseits Informationen und Denkanstösse zum Thema "Gender Mainstreaming" und schlägt andererseits konkrete Möglichkeiten zur Umsetzung mit Deiner Patrulle und Deinem LeiterInnenteam vor.

Also ...

  • "Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt." [Lit.]
  • "Gender Mainstreaming heißt, soziale Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und bei allen Planungs- und Entscheidungsschritten immer bewusst wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Alle Vorhaben werden so gestaltet, dass sie auch einen Beitrag zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern leisten." [Lit.]

"Gender Mainstreaming" und die Pfadis

Auch bei den Weltverbänden WOSM und WAGGGS taucht der Begriff "Gender" (also "soziale Geschlechter") immer stärker auf. Abgesehen von der Frage, für welche Zielgruppen die beiden - vormals nach Geschlechtern getrennten - Weltverbände jetzt und in Zukunft zuständig sein sollen und wollen, gibt es auch verstärkt inhaltliche Auseinandersetzungen zu diesem Thema:

  • Von WAGGGS gibt es seit 1998 eine "Policy on the Education of Girls and Young Women in WAGGGS", die sich zentral mit Gleichberechtigung und Erziehung zu Partnerschaft auseinandersetzt. [Lit.] Im Mai 2003 wird WAGGGS ein Seminar zu "Equal Opportunity, Equal Participation" durchführen. [Lit.]
  • WOSM hat 1999 eine "Policy on Girls and Boys, Women and Men within the Scout Movement" [Lit.] beschlossen, die sich ebenfalls zu Gleichberechtigung und Erziehung zu Partnerschaftlichkeit als Ziele bekennt. Speziell dazu hat Ende Dezember 2002 auch ein Wonderforum stattgefunden.

"Gender Mainstreaming" und die PPÖ

Die PPÖ sind eine SAGNO (Scout and Guide National Association; d.h. Buben und Männer sind bei WOSM, Mädchen und Frauen bei WAGGGS registriert). Geschichtlich entstanden wir aus der Fusion der "Pfadfinder Österreichs" und des "Österreichischen Pfadfinderinnenverband St. Georg" im Jahr 1976. Unser Bestreben damals - und auch seither - war und ist es, "das Beste aus beiden Welten" im Jugendprogramm und in der LeiterInnenausbildung zu verwirklichen, die Stärken des einen Geschlechts dem jeweils anderen zugute kommen zu lassen. Deshalb ist auch die Partnerschaftlichkeit in unserer Verbandsordnung festgeschrieben, und für die meisten Funktionen ist eine doppelte Besetzung vorgesehen. Die einzelnen Gruppen können "nach Geschlechtern getrennt, kooperativ oder koedukativ" aufgebaut sein. (vgl. VO 2.4.2.3) Das Thema "Gender Mainstreaming" ist also nichts neues für die PPö, und im Gegensatz zu anderen Verbänden haben wir als PPö an sich eine gute Startposition. Es geht also nicht darum, etwas neu zu erfinden, sondern Vorhandenes zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern.

"Gender Mainstreaming" und die Guides und Späher

Und nun ans Eingemachte - was heißt das für die GuSp? Hier einige Ideen, Gedanken und Anregungen zu relevanten Stichworten:

  • Alter: Da die Pubertät bei den GuSp einsetzt, ist "Gender Mainstreaming" grad in diesem Alter eine "heiße Sache". Was nicht heißt, dass es nicht vorher und nachher genauso wichtig ist, den Faktor Geschlecht mitzubedenken, aber im Laufe der GuSp-Zeit wird¹s zu ersten Mal so richtig offensichtlich...
  • Patrulle: Alle Forschungen zeigen, dass das Erlernen des Umgangs mit dem eigenen und dem fremden Geschlecht an den individuellen Bedürfnissen ansetzen muss. Diese Bedürfnisse sind am besten in einer Kleingruppe auf einen Nenner zu bringen. Die Patrulle ist das altersgemäße Lernfeld für das Umgehen miteinander und der geeignete Raum für die eigene Weiterentwicklung. Ausgehend vom Gedanken, dass Mädchen und Buben im Allgemeinen in den meisten Bereichen unterschiedliche Bedürfnisse haben, ergibt sich, dass im GuSp-Alter nach Geschlechtern getrennte Patrullen sinnvoller sind als gemischte. Wenn mensch umgekehrt bedenkt, dass das Lernen von- und miteinander, das Profitieren von den Stärken der anderen und das Akzeptieren unterschiedlicher Zugänge wichtige Ziele der Erziehung zur Partnerschaftlichkeit sind, spricht viel für gemischte Trupps (oder gemeinsame Aktivitäten, Lager, etc.). Die Arbeit in Patrullen ist auch - gerade auf Lagern - die geeignete Möglichkeit, den überkommenen Geschlechterrollen zu entkommen. Wenn eine Patrulle selbst ihr "überleben" managen muss, bedeutet das, dass Mädchen wie Buben "typisch weibliche" und "typisch männliche" Tätigkeiten verrichten müssen (Abwaschen, Holzhacken, Aufräumen, Feuer machen, Kochen, Zelt aufbauen...). Auch bei Abenteuern und anderen gemeinsamen Programmpunkten ist gewährleistet, dass beide Geschlechter sich in "typisch männlichen" wie "typisch weiblichen" Aktivitäten bewähren können - aber nur, wenn die LeiterInnen das schon bei der Planung berücksichtigen!
  • Bedürfnisse und Weiterentwicklung: Einerseits gilt es, die jeweiligen Bedürfnisse und Interessen zu akzeptieren, andererseits soll allen die Möglichkeit zur Weiterentwicklung (gerade in Bereichen, wo der/die Einzelne Defizite hat) geboten werden. Was heißt das für¹s Programm? Wenn Patrullen zeitweise selbst entscheiden können, was sie tun wollen (Patrullenrat, Erprobungssystem), wird das erste Ziel gefördert; wenn sie nur das tun - werden sie immer das Gleiche tun; also gilt es für LeiterInnen, auch immer wieder anderes Programm, neue Sachen anzubieten, so dass alle auch immer wieder etwas erleben, was angeblich "typisch" für das jeweils andere Geschlecht ist. - Es geht also letztlich um "Zeit und Raum" für beides: für den Rückzug in die eigene Geschlechtergruppe und für die Begegnung mit dem anderen Geschlecht.
  • Individuum und Gruppe: Eine Falle beim "Gender Mainstreaming" kann sein, immer darauf zu schauen, was "die Mädchen" und "die Buben" wollen; das hat auch seinen Wert aufgrund der allgemeinen Unterschiede. Andererseits gibt's genug Mädchen und Buben, die keine "typischen Mädchen" bzw. "typischen Buben" sind. Insofern darf das "Look at the kid!", das Eingehen auf den/die Einzelne nicht zu kurz kommen, und jede/r - egal ob "typisch" oder "untypisch" muss angenommen und unterstützt werden.
  • Vorbild: Ein Gutteil des Lernens passiert immer noch über das "Abschauen"; wir LeiterInnen spielen dabei sicher nicht so eine zentrale Rolle wie die Eltern, aber wir sind auch, bewusst oder unbewusst, ein Vorbild, ein Rollenmodell für die GuSp - gerade beim Thema Geschlechterrollen. Der Anfang von geschlechtssensibler Arbeit bei den GuSp liegt als im Leitungsteam, und dort der erste Schritt muss eine Eigenreflexion sein. Und dann geht's um scheinbar banale Fragen: Haben beide Geschlechter AnsprechpartnerInnen? Wie ist das Zahlenverhältnis zwischen Leiterinnen und Leitern? Welche Rollen und Aufgaben haben diese? Wie schaut die Hierarchie im Team aus, wie der Umgang miteinander? Gibt's Gleichberechtigung und wer "ja" sagt - wie schaut diese aus? Wie kommen die Rollen und Tätigkeiten zustande - aufgrund von Fähigkeiten oder von Geschlecht; und wenn dieses zusammenhängt: Wird das thematisiert? - Es geht also darum, den Kids ein Geschlechterverhältnis vorzuleben, das nicht auf Stereotypen, sondern auf individuellen Fähigkeiten und Interessen und auf gegenseitiger Anerkennung aufbaut. Klingt etwas mühsam, aber ist es wert, bedacht und befühlt zu werden, denn die Kids sehen oder besser: spüren sehr genau, was im Team lauft.

Und zum Schluss...

..."Der wissenschaftliche Beweis, dass soziales Geschlecht unsere Art zu denken beeinflusst, ist sicher wahr, aber die Frage ist, was uns unterschiedlich denken und handeln lässt. Ich bin der festen überzeugung, dass es die Art ist, wie die Gesellschaft von jungen Leuten erwartet zu handeln ... Daher ist es die Gesellschaft, die wir ändern müssen, und dort können wir Menschen zu dem machen, was sie wirklich sind, und nicht zu Leuten, die so sind, wie es von ihnen erwartet wird. Ich denke, dass die Pfadis einen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft leisten können..." [Lit.]