Allzeit bereit beim Zivilersatzdienst in Litauen

Als Gedenkdiener am Jüdischen Museum in Vilnius hat Berti Wagner begonnen, mit "Workshops" über Rassimus, Toleranz und Antisemitismus an litauische Schulen zu gehen. Bald hat er beim Kontakt mit den SchülerInnen feststellen müssen, dass vor allem die außerhalb von Städten lebenden Jugendlichen sehr intolerant gegenüber ethnischen Minoritäten sind.
Allzeit bereit beim Zivilersatzdienst in Litauen

Mikrobusse sind das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in Litauen. Montag früh sind jene Busse, die Vilnius verlassen, meist leer – vor allem jetzt im Winter. In meinem Bus sitzt in der ersten Reihe ein alter Mann – er hat den Geruch seiner Bierflaschen angenommen – vielleicht fährt er nach Hause. Ich sitze ganz hinten – dort spürt man die Unebenheit der Straße zwar am Stärksten, aber zum Schlafen hab ich so oder so keine Zeit. Es ist 4.30 Uhr morgens, der weiße VW-Bus setzt sich in Bewegung. Wir verlassen Vilnius Richtung Garliava, eine kleine Stadt 150 km von der Hauptstadt entfernt, nahe Kaunas. Garliava liegt im Herzen Litauens, der nationalistischen Hochburg des Landes. In der dortigen Schule soll ich einen Workshop auf Englisch halten - "über Juden und so", wie die Direktorin mir geschrieben hat – für 20 SchülerInnen, zirka 17 Jahre alt.

Zivilersatzdienst

Portraitfoto Adalbert Wagner

Vor gerade mal sechs Monaten habe ich die Matura bestanden und jetzt sitze ich in einem nach Bier miefenden Mikrobus in Litauen (der Mann ist trotz des letzten Schlagloches noch immer seinen Träumen verfallen). Grund dafür ist mein Zivilersatzdienst. Als Alternative zum Zivildienst gibt es in Österreich die Möglichkeit, diesen in Form des Zivilersatzdienstes im Ausland zu leisten. Gedenkdienst, als eine der Varianten des "Auslandszivildienstes", ermöglicht einen einjährigen Einsatz in einem Institut, welches sich mit den - von ÖsterreicherInnen mitorganisierten - Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, dem Holocaust (Shoah), oder der Betreuung Überlebender beschäftigt. Da in Litauen binnen kurzer Zeit 94 % der jüdischen Gemeinde ermordet wurden (in Litauen lebten vor dem Krieg mehr als 240.000 Jüdinnen und Juden), gibt es für das staatliche Jüdische Museum in Vilnius genügend Anlass, dass dort seit mehr als 13 Jahren eine Gedenkdienst-Stelle existiert. Ich bin nun der 13. junge Österreicher der hier in Vilnius versucht, die großteils von LitauerInnen begangenen Verbrechen gegen jede Form der Menschlichkeit nicht vergessen machen zu lassen. Ein fundamentaler Teil dieser Tätigkeit ist die Arbeit mit Jugendlichen.

Workshop mit 60 TeilnehmerInnen

Vor allem dieser Aufgabenbereich hat mich dazu bewogen, mich für die Stelle in Vilnius zu bewerben. Aber auch die Möglichkeit, hier im Museum vielseitig in Verwendung zu sein, in verschiedensten Aufgabenbereichen die Menschen hier zu unterstützen, und meinen Teil in diesem wichtigen aber kleinen Institut beizutragen. So ist ein "normaler" Arbeitstag nie monoton: ich komme in der Früh an meinen Arbeitsplatz, erledige den E-Mailverkehr, dann schreibe ich an einem Guidebook durch die Ausstellung, trinke Kaffee, währenddessen übersetze ich einen in deutscher Sprache geschriebenen SS-Bericht ins Englische, habe eine Führung durch die Holocaust- Ausstellung, muss nachher in eine kurze Besprechung mit meiner Chefin, danach noch ein paar Zeilen in meinem Guidebook bevor ich meinen nächsten Workshop plane - und plötzlich ist der Tag auch schon fast vorbei und ich habe schon wieder keine Zeit gefunden, die neue Ausstellung zu konzipieren. Meine Aufgabenbereiche sind vielseitig; Spontaneität ist Voraussetzung, aber ein guter und erfolgreicher Abschluss der Tätigkeit ist das Ziel.

Jeder Tag ist eine neue "Challenge"

... so auch meine Ankunft in Garliava. Natürlich viel zu früh in der Schule angekommen, suche ich meinen Weg in dem alten Schulgebäude. Es kommt mir so vor, als wäre es im Inneren nicht sonderlich wärmer als draußen – die Jacke wird nicht aufgemacht. Im Büro der Direktorin ist es schlagartig wärmer – der Heizstrahler plagt sich auf voller Leistungsstufe. Beim Kaffee erfahre ich, dass der geplante Workshop doch nicht für 20 SchülerInnen stattfinden soll – es werden 60 sein.

Huf! Eine Gruppenarbeit für 60 SchülerInnen, gar eine Gruppendiskussion? Vielleicht nicht unmöglich, aber sicher nicht zielführend. Ich habe also drei Stunden Zeit einen dreistündigen Workshop mit 60 SchülerInnen (um-) zu planen. Trotz meiner fachlich guten Vorbereitung durch den Verein Gedenkdienst und anderen Organisationen, gibt es vielleicht nur einen Verein in Österreich, der auf solch eine Situation vorbereiten kann – die PfadfinderInnen natürlich. Ich habe mich, seitdem ich 16 Jahre alt bin, bei der Heimstundenplanung der GuSp in meiner Gruppe (Langenlois/NÖ) beteiligt. Als ich volljährig wurde, bin ich gleich in der LeiterInnenausbildung durchgestartet und in der kurzen Zeit (im Jänner 2008 - 18. Geburtstag und im August nach Litauen) vieles an Erfahrung gesammelt.

Vilnius am Abend mit rauchenden Schornsteinen am Horizont

Zwar schwanken die TeilnehmerInnen in der Heimstunde zwischen sieben GuSp bis hin zu 20 und nicht zwischen 20 und 60, aber spontan sind wir LeiterInnen allemal. Wenn's darum geht, eine Gruppe Jugendlicher auf einem Großlager für eine halbe Stunde zu beschäftigen, dann haben wir das doch immer noch geschafft. Es ist ein Workshop über einen Genozid doch etwas komplett anderes, aber unsere LeiterInnenausbildung ermöglicht uns ein zielorientiertes Arbeiten und das erworbene Wissen im Hinblick auf ethnische Erziehung sinnvoll und adäquat umzusetzen. Die Erfahrung, die wir bei unserer Tätigkeit gesammelt haben, ermöglicht es uns, auf Jugendliche, egal welcher Nationalität, einzugehen, mit ihnen Themen zu erarbeiten und ihnen Grundsätze der Menschlichkeit zu vermitteln. Unsere wertvollen Fähigkeiten mit Jugendlichen zu arbeiten dürfen nicht nur auf zwei bis drei Heimstunden pro Woche reguliert sein. JedeR von uns muss sich dessen bewusst sein, dass uns mit unserer Ausbildung etwas Wertvolles in die Hände gelegt wurde – nämlich junge Menschen zu erreichen.

Genau das versuche ich sowohl in diesem Workshop als auch in allen anderen – nach zwei Stunden Umplanung bin ich fertig. Aus dem "klassischen" Workshop wurde ein sehr kurzer Vortrag, eine kleine Gruppenarbeit als Vorbereitung auf ein initiatives Theater mit rassistischen und antisemitischen Rollenbildern, und eine überraschend lebhafte Diskussion. Die Umsetzung ist geglückt, aber das "Erreichen" der Jugendlichen ist deshalb nicht garantiert. Da Antisemitismus eine lange Geschichte in Litauen hat, gar oftmals fast eine Tradition besitzt, war vor allem die Durchführung, basierend auf der Partizipation der SchülerInnen, nicht einfach – insbesondere die Fragen der Jugendlichen waren eine Herausforderung an mich.

"Wenn du selbst kein Jude bist, warum arbeitest du dann mit solchen?"

Fragen, die ich aus meiner bisherigen Workshoptätigkeit nicht kenne, Fragen, mit denen ich nicht gerechnet habe, Fragen, auf die ich nicht vorbereitet bin. Trotzdem muss eine rasche, überzeugende Antwort kommen, schließlich warten 60 SchülerInnen darauf. Das "Eingehen" auf diese Fragen ermöglicht es, eine gelungene Umsetzung in ein "Erreichen" münden zu lassen – und diesmal habe ich es hoffentlich wieder geschafft, die Fragen scheinen beantwortet zu sein.

Diese Fragen, und vor allem mein Wille und meine Überzeugung, die Jugendlichen zu toleranten und offenen EuropäerInnen zu erziehen (oder einen Teil dazu beizutragen), sind es, die mich auch nächstes Mal um 4.30 Uhr in einen kleinen, dann hoffentlich geheizten, Mikrobus setzen lassen. Bis August werde ich mein Pfadioutfit für den Alltag – ein Lächeln – durch die europäische Kulturhauptstadt tragen, durch das einstige "Jerusalem des Ostens".

Blick auf die Kathedrale von Vilnius

Bis August werde ich den Gedenkdienst-Gedanken mit den PfadfinderInnen-Grundsätzen kombinieren – bist jetzt war das jedenfalls eine gute Kombination. In Litauen lebend, wird das sicherlich keine sehr schwierige Aufgabe sein. Mit Spannung erwarte ich, was von den in Litauen gemachten Erfahrungen meinen weiteren Lebensweg prägen wird.

Berti Wagner

Link zur Homepage vom Verein Gedenkdienst

Bildnachweis: Berti Wagner