Dokumentation der Pfadfindergruppe Linz 6

von Bernhard Rupprecht
Dokumentation eines sehr interessanten Abends am 10. Juni 2008 in Linz zum Thema "Pfadfinder 1938", zu dem uns unser Gildemitglied Hermann Aichinger besuchte. Fragen wurden vorher in den Stufen ausgearbeitet und von Hermann in seinen Erzählungen beantwortet.
Dokumentation der Pfadfindergruppe Linz 6

1938 wurden PfadfinderInnen in Österreich verboten. Die Gruppe Linz 6 lud im Rahmen des Bundesthemas "Pfadfinder 1938 und 2008" den Zeitzeugen Hermann Aichinger ein, um sich mit ihm über Demokratieverständnis und Friedenserziehung auseinanderzusetzen und über 1938 zu informieren. Alle Anwesenden möchten sich nochmals bei Hermann für sein Engagement recht herzlich bedanken.

Zeitzeuge Herbert Aichinger erzählt von seinen Pfadfindererlebnissen

Hermann Aichinger; geb. 1940, kam 1948 als Wölfling zur Gruppe Linz 6. Nach der Zeit als "Kind " wurde er Hilfsfeldmeister, Feldmeister und dann auch noch Gruppenfeldmeister bis Ende 1973 in der Gruppe Linz 6 (damals noch Scharlinz) Gruppenfeldmeister (Gruppenleiter).

Ab 1974 im wechselte er in den Aufsichtsrat.

1980 beendete er seine aktive Pfadfinderlaufbahn bei Linz 6 und ist seither im Pfadfinder Institut Wien tätig (Geschichtswerkstätte). Er befasst sich vor allem mit der Geschichte der Pfadfinderei in Oberösterreich


Pfadfinderbewegung in Österreich vor 1938

Bei der Gründung der Pfadfinder in Österreich entstanden bis 1938 drei große Verbände. Diese waren:

  • Der Pfadfinderbund: Wurde 1912 in Wien gegründet und hatte seine Gruppen vor allem in Wien, Salzburg, Tirol und Kärnten
  • Das Pfadfinderkorps St. Georg: Wurde 1921 vom Priester Josef Schückbauer als Teil des Reichsbundes der katholischen männlichen Jugend gegründet. Die Gruppen des Pfadfinderkorp St. Georg waren bis 1926 nur in OÖ zu finden. Ab 1926 auch in Wien, Niederösterreich, Steiermark, Kärnten, Tirol, Vorarlberg und Salzburg
  • Der jüdische Pfadfinderbund "Haschomer Hazair" der sehr abgeschlossen agierte und über den heute am wenigsten bekannt ist. Das ist vielleicht auch ein Grund warum die andern zwei Pfadfinderbünde nicht für diesen Pfadfinderbund eingetreten sind.

Von der Gründung der ersten Gruppen im Jahre 1912 bis 1934 konnten die Pfadfinder sich frei entfalten und hatten keine Probleme wenn sie unangepasst blieben. Nach dem Bürgerkrieg 1934 gründete der damalige Bundeskanzler Engelbert Dollfuß die "Vaterländische Front", die österreichische, faschistische Einheitspartei.

Wie es in faschistischen Regimen üblich ist wurde mit der Gründung versucht die gesamte Bevölkerung in parteinahen oder parteilichen Organisationen zu sammeln und einzubinden und so für die Ideologie zu begeistern und gleichzeitig die Bevölkerung zu kontrollieren. In der Vaterländischen Front waren dies die Ostmärkischen Sturmscharen (für den Parteischutz), der Freiwillige Arbeitsdienst (Arbeitsdienst für Projekte des Staates) und so weiter. Die Kinder und Jugendlichen wurden alle zwangsweise der "Vaterländischen Jugend" zugeteilt. Die "Vaterländische Jugend" war zwar parteinahe, wurde aber der Verwaltung der katholischen Kirche übergeben, welche alle Ju-gendorganisationen darin unter ein Dach vereinte aber die verschiedenen Gruppen wie Jungschar und Pfadfinder nicht auflöste. Somit agierten die Pfadfinder weiter als Pfadfinder aber unter der Herrschaft der "Vaterländischen Jugend" und der katholi-schen Kirche. Für die Gruppen des Pfadfinderkorps St. Georg war dies keine große Veränderung waren sie ja als Teil der katholischen Aktion bereits seit der Gründung kirchennahe gewesen bzw. unter deren Aufsicht gestanden.

Nachdem Deutschland den Druck auf Österreich immer weiter erhöhte und der Terror durch die SS-Gruppe "Legion Österreich" immer mehr wurde begannen auch die Infiltration der "Vaterländischen Front" und deren Organisationen. Man nimmt an das ab 1936 in jeder Pfadfindergruppe zumindest 1 NS-Spitzel zu finden war. Diese soll-ten Listen über NS-Gegner, aber auch vorhandenes Material erstellen um beim Anschluss die Gegner schneller festnehmen zu können und die Gruppen schnell und einfach an die Hitlerjugend übergeben zu können. Dies war den Leitern sogar bekannt. Franz Schückbauer warnt sogar in seiner Leiterzeitschrift davor. Bei Linz 6 waren es zwei Personen welche unserem Zeitzeugen Hermann Aichinger zwar bekannt sind deren Namen er aber nicht preisgibt.

Der Anschluss

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 12.03.1938 übernahmen die Nazis sofort die Kontrolle über ganz Österreich. Die in jahrelanger Bespitzelung ermittelten Informationen hatten es erlaubt Verhaftungslisten und Pläne für die Machtübernahme auszuarbeiten.

Bereits als Seyß-Inquart Bundeskanzler wurde wurden diese Pläne in die Tat umgesetzt. Noch bevor die deutschen Einheiten in Linz waren, hatten die Nazis in ganz Österreich (vor allem in Wien) die Macht ergriffen und hunderte Personen festgenommen. In erster Linie waren es Politiker und Juden. Pfadfinder waren wohl noch nicht darunter (außer vielleicht Mitglieder des jüdischen Pfadfinderbundes).

Die weiter Geschichte des Pfadfinderbundes und des jüdischen Pfadfinderbundes lassen sich ab dem Anschluss nur mehr schwer bis gar nicht mehr verfolgen, da sämtliche Dokumente vernichtet wurden. Nur noch die Geschichte des Endes des Pfadfinderkorps St. Georg lassen sich anhand von kirchlichen Dokumenten rekon-struieren.

Am 18.03.1938 schrieb der Linzer Bischof Briefe an alle Pfarren die Arbeit der "Vater-ländischen Jugend" und somit auch der Pfadfinder zu beenden, weiters sollten sie den Leitern für ihre Arbeit danken. Einige Tage später erfolge eine Abmachung zwischen der Gestapo und dem Bischof über die Auflösung der katholischen Vereine. Sie wurden in Kategorien (Gruppen) eingeteilt. Es wurde vereinbart welche Gruppen bestehen bleiben durften und welche sofort ihren Betrieb einstellen mussten.

Diese Kategorien waren:

  • Gruppe 1: bleiben bestehen
  • Gruppe 2: sofortige Auflösung
  • Gruppe 3: über den Fortbestand wird mit den Nationalsozialisten verhandelt

Die Pfadfinder wurden der Kategorie 2 zugeteilt und später von der katholischen Kirche aufgelöst. Geldmittel und evtl. Landbesitze der Gruppen gingen in das Eigentum der Kirche über, das gesamte Material war der Hitlerjugend zu übergeben. Das Material unser Gruppe ging damals bis auf die Gründungsfahne komplett mitsamt Heim an die HJ. Ein Pfadfinder konnte auch noch zwei Logbücher und einen Wimpel retten.

Da Untergrundorganisationen verboten waren arbeiteten keine Pfadfinder weiter, die Pfadfinder hatten aufgehört zu bestehen.

Aus Wien ist bekannt das in Favoriten einige Rover eine Untergrund-Rot-Kreuz-Gruppe betrieben haben. Schückbauer wurde wegen angeblicher Mitwisserschaft der österreichischen Freiheitsbewegung Dr. Kastelic eingesperrt und verurteilt. Im Urteil hieß es "haben von dem hochverrätischen Vorhaben der Anhänger der Großösterreichischen Freiheitsbewegung trotz glaubhafter Kenntnis keine Anzeige gemacht..."

Befreiung und Neugründung:

Als 1944 und 1945 der Untergang Deutschlands abzusehen war, begannen einige mutige Pfadfinder im Untergrund zu arbeiten. So sollen etwa Pfadfinder aus Bregenz am Bodensee in einem Schiff eine Funkstation betrieben haben und damit der französischen Armee geholfen haben die Deutschen zu besiegen.

Nach Kriegsende war Schückbauer wieder frei und ging sofort zur amerikanischen Verwaltung in Linz. Dort beantragte er die Neugründung der Pfadfinder. Dies wurde abgelehnt, da Schückbauer aber gesagt haben soll er mache es trotzdem wurde er mit einer Gefängnisstrafe bedroht. Da soll er gesagt haben, dies hätten die Deutschen auch gemacht, dass sei im egal. Das muss dem Offizier so beeindruckt haben das er es doch genehmigte. Somit gab es in Österreich wieder Pfadfinder.

Zeitzeuge Herbert Aichinger gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen der Gruppe Linz 6 Anwesende:

CaEx: Julia Königsmaier, Ruth Oberndorfer, Christoph Tossel, Lisa Zeitlinger

RaRo: Michael Blaha, Jasmin Podlaha, Bernhard Rupprecht, Christina Rupprecht

Leiter: Robert Weinberger

Elternrat: Doris Oberndorfer

Bildnachweis: Robert Weinberger